
- Kalendergeschichten - List Verlag
Obwohl Oskar Maria Graf seine Kalendergeschichten bereits 1929 das erste Mal veröffentlicht hat, stellen sie auch für den heutigen Leser noch eine unermessliche Fundgrube mit Lebensweisheiten dar. Der Bäckersohn aus Berg am Starnberger See verstand es, mit seiner fesselnden Erzählweise die oft ganz lakonischen Episoden über gierige Bauersleute, arme Dienstboten oder schwermütige Stadtmenschen in dramatisch anrührender Art gekonnt in Szene zu setzen.
Oskar Maria Graf: ein bewegtes Leben
Im Jahre 1894 geboren, hat Graf selber ein breites Spektrum an bewegenden Ereignissen durchlebt. Nachdem Tod seines Vaters musste er bereits als elfjähriger dessen Handwerk erlernen und in der von seinem ältesten Bruder übernommenen Bäckerei mitarbeiten. Schon in dieser Zeit entdeckte er seine Liebe zur Literatur, was von dem provinziellen Umfeld, in dem er lebte allerdings nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen wurde. 1911 floh er vor den Misshandlungen durch seinen Bruder nach München, in der Hoffnung sich als Dichter zu etablieren. Darauf folgten turbulente Jahre in großer Armut als überzeugter Sozialdemokrat und Pazifist. Während seines Einsatzes im 1.Weltkrieg beinahe wegen Befehlsverweigerung abgeurteilt, schaffte er es in eine Irrenanstalt eingewiesen und nach zehntägigem Hungerstreik aus dem Militär entlassen zu werden. Auch den Ausbruch der Revolution in Bayern und den damit verbundenen Beginn der Räterepublik erlebte Oskar Maria Graf hautnah mit. Der Aufstieg der Nationalsozialisten bewog ihn zur Flucht aus Deutschland. Über mehrere Stationen gelangte er 1938 in die USA, wo er sich in New York dauerhaft niederließ und 1967 starb.
Authentische Betrachtungen
Die im List Verlag neu aufgelegten Kalendergeschichten, mit einem gewinnenden Vorwort von Konstantin Wecker, sind Erzählungen gemischt mit Anekdoten und Schwänken aus der ereignisreichen ersten Lebenshälfte von Oskar Maria Graf. Dabei kommt in bestechender Weise die haarscharfe Beobachtungsgabe des bedeutenden Schriftstellers zum Vorschein. Egal ob es um den wohlhabenden Pensionisten geht, der sich vor lauter Angst vor dem Alter das Leben nimmt; oder die reiche aber hässliche Bäuerin, die trotz aller Umsicht den falschen Mann heiratet - Oskar Maria Graf beschrieb seine Charaktere mit entwaffnend unverblümter Authentizität.
Auch der Humor kommt nicht zu kurz
Graf war ein grandioser Erzähler der es liebte, gerade den unscheinbaren aber sympathischen Kleinigkeiten mehr Raum zu geben und etwas großartiges daraus zu machen. So kommt bei der Lektüre der Geschichten, trotz aller hintergründigen Tiefe, auch der humoristische Unterhaltungswert nicht zu kurz. Die Art und Weise wie Oskar Maria Graf die einfachen und gleichzeitig komplizierten Wirren des Lebens schilderte, macht diese Anthologie zu einem treffenden Lesestoff für stürmische Herbstabende.
Oskar Maria Graf: Kalendergeschichten. List Tb. 2009. Taschenbuch, 346 Seiten. Euro 9,95.
